Watt pro Stunde

Beim folgenden Thema geht es um die Diskussion, wie mit Studierenden umgegangen werden kann, die große Schwierigkeiten haben, in grundlegenden Veranstaltungen (vermeintlich) einfache Kenntnisse im Rahmen einer Klausur zu Papier zu bringen. Falsch wäre es, das Problem damit abzutun, dass den Studierenden nicht mehr geholfen werden kann, da die Studierenden ja den Weg an die Hochschule geschafft und damit gezeigt haben, dass sie in der Lage sind, durch eine selbstständige Arbeitsweise Aufgabenstellungen zu bearbeiten und zu lösen. Dennoch fällt es mir insbesondere in der Grundlagenvorlesung zur Energietechnik schwer, einige Unachtsamkeiten nachzuvollziehen, die angehenden Ingenieurinnen und Ingenieuren nicht passieren dürfen.

Als typisches Beispiel sei das leider altbekannte Problem genannt, als Energieeinheit W/h (Watt pro Stunde), statt Wh (Wattstunde), als Produkt von Leistung und Zeit zu verwenden. Ausgangspunkt war eine Aufgabe im letzten Sommersemester in der Energietechnikklausur zur Berechnung von typischen Energiekennzahlen wie Volllaststunden oder Nutzungsgrad eines Kraftwerks für ein einfaches Lastprofil. Woher der Fehler kommt, lässt sich erahnen, da sich aus der Einheit für die Geschwindigkeit in km/h das “pro Stunde” im Kopf festgesetzt hat. Dennoch darf es aus meiner Sicht angehenden Wirtschaftsingenieuren/innen mit dem Schwerpunkt in der (regenerativen) Energietechnik nicht passieren, in einer Klausur die Energieeinheit als W/h zu bezeichnen. Dass ein solch vermeintlich kleiner Fehler im Zuge des Klausurstresses auftreten kann, ist theoretisch möglich, allerdings kann dieser Fehler kaum entschuldigt werden.

Sollte dieser Fehler später im Berufsleben erneut auftreten, weil sich im Hinterkopf die korrekte Energieeinheit nicht manifestiert hat, so könnte dies recht gravierende Folgen als junger Mensch beim Berufseinstieg haben. Die Verwendung der falschen Energieeinheit W/h lässt im Unternehmen sofort Zweifel an der fachlichen Eignung bzw. der notwendigen Fachkompetenz in der Energietechnik in dem Sinne aufkommen, dass, wenn bereits die Energieeinheit falsch ist, dann sind auch die übrigen Ausführungen oder Berechnungen in Frage zu stellen. Und schließlich wirft es ein schlechtes Licht auf die ausbildende Hochschule, wie es Absolvierende mit solch eklatanten Lücken im Grundlagenwissen geben kann.

Auf der anderen Seite könnte argumentiert werden, so kritisch ist dieser Einheitenfehler nun auch nicht, sofern die Zahlenwerte in Ordnung sind, und die Einheit doch eher unwichtig ist. Wenn bereits bei Grundlegendem Fehler passieren, kann nicht erwartet werden, dass komplexere Zusammenhänge korrekt erfasst und berechnet werden können. Jemandem mit fundierten Grundkenntnissen passiert dieser Fehler sicherlich nicht, ähnlich wie die Geschwindigkeit nur mit der Einheit m/s (oder km/h) verwendet und auch hier keine falsche Einheit genutzt wird.

Als Professor frage ich mich bei der Korrektur der Energietechnikklausur (und der Fehler der falschen Energieeinheit tritt bei mindestens einer Klausur pro Semester auf, obwohl ich an den entsprechenden Stelle in der Vorlesung jedes Mal darauf hinweise und die Studierendenschaft dies zumindest mit einem Schmunzeln kommentiert), wie mit Studierenden umzugehen ist, die W/h verwenden. Mir stellt sich zunächst die Frage, woran es liegt, dass dieser Fehler überhaupt passiert. Wenn die übrige Klausur in Ordnung ist, kann es sich wirklich um einen ärgerlichen Flüchtigkeitsfehler handeln. Allerdings zeigen die Studierenden, die W/h verwenden, auch in anderen Aufgabenteilen der Klausur in der Regel weitere Schwächen, die dazu führen, dass die Klausur selten bestanden wird.

Ich kann es persönlich noch einigermaßen akzeptieren, dass Studierenden Prüfungen in Mathematik- und/oder Physik-Modulen nicht liegen und Schwierigkeiten bereiten. In der Veranstaltung zur Energietechnik, die jedoch grundlegend für das weitere Studium ist und damit im persönlichen Interesse der Studierenden liegen muss, fällt es mir sehr schwer, Verständnis dafür aufzubringen, dass solche Fehler, wie die falsche Energieeinheit W/h, auftreten. Ich stelle mir die Frage, was von diesen Studierenden künftig erwartet werden kann und welche Hilfestellungen die Studierenden weiterbringen könnten, um diesen (und andere) Fehler abzustellen. In der Vorlesung kann auf die Grundlagen nicht weiter eingegangen werden, dazu handelt es sich um triviale physikalische Zusammenhänge, die vorausgesetzt werden müssen. Durch das Bereitstellen von Übungsaufgaben ließen sich Grundkenntnisse vielleicht manifestieren, jedoch müssten diese Übungen von allen Studierenden vorlesungsbegleitend bearbeitet werden und das passiert bedauerlicherweise häufig auch nicht, wie sich zeigt. Ein Zwang über eine Art schriftliche Vorleistung, die vor der Hauptklausur erbracht werden müsste, ist organisatorisch nicht mit den vorhandenen Mitteln umsetzbar und würde das Problem auch nicht lösen, sondern lediglich verschieben. Eine persönliches Gespräch der Studierenden wäre vielleicht das einzige, was aus meiner Sicht funktionieren könnte, um gemeinsam mit den Studierenden nach Lösungen und Lernstrategien zu suchen, jedoch zeigt meine Erfahrung, dass diese Gespräche selten zu einer nachhaltigen Weiterentwicklung der Studierenden führen.

Bei allen Bedenken, die beim Auftreten der elementaren Fehler in der Energietechnikklausur (und auch in anderen Klausuren) mitschwingen, handelt es sich um eine relativ kleine Zahl an Studierenden, denen die Grundlagenkenntnisse zu fehlen scheinen. Die überwiegende Zahl der Studierenden zeigt keine Schwierigkeiten bei den Grundlagen, sodass man das Problem nicht überbewerten muss, es mich dennoch ärgert.